J. Monika Walther
Che Faro

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Was mache ich heute?

Dezember 2017

Che farò senza Euridice, che farò senza il mio ben’, dove andrò...

Der Tod gehört zum Leben, das spricht sich klug, aber so einfach ist es nicht. Euridice und Orpheus sind ein Beispiel dafür. Sie wanderten zwischen Himmel, Erde und Hades. Sie stiegen aus der Hölle hinauf und schafften die letzten Stufen in ein neues gemeinsames Leben nicht. Wie Orpheus starb, wissen wir nicht. Als singender alter Mann oder doch von wütenden Frauen umgebracht. Weil er keine mehr liebte oder zu viele. Die Leier zertrümmert. Ins Mittelmeer geworfen. Orpheus und sein Instrument. Ob Euridice gerne im Hades blieb und liebte oder doch lieber wieder ans Tageslicht gekommen wäre, bleibt ihr Geheimnis. Wir haben andere Szenarien. Da wird ein Treppenlift beantragt oder ein Pflegebett, aber die Krankenkasse prüft und prüft, bis die Lebenden endlich tot sind. Da werden Verwandtschaften alleine gelassen mit der Versorgung von schwer dementen Angehörigen. So lange, bis alle in der Familie krank sind. Und auch dann regt sich nichts in den Bürokratien. Zuschüsse und Pflegestufen werden akribisch aufgelistet. Fern von der Wirklichkeit der Kranken und Pflegenden. Wer arm ist, hat gar nichts mehr zu lachen. Die anderen können sich helfen lassen und bezahlen das Heer derjenigen, die im schwarzen und grauen Arbeitsmarkt ein Auskommen suchen, um sich ihr kleines Glück aufzubauen. Aber wehe sie lassen sich erwischen. Bürokratie first. Ohne ehrenamtliche Helferinnen, ohne Nachbarschaft wären viele buchstäblich verlassen und einer Not überlassen. Die Mitarbeiterinnen der Pflegedienste können nicht leisten, was ihnen sowieso nicht bezahlt und allemal als nicht nötig von der Bürokratie erachtet wird. Keinen guten Tag und keinen guten Weg. Ruckzuck.

Der Tod gehört zum Leben, aber nicht nur als Beerdigung und Totenschein, sondern auch im älter und schwächer werden, als Übergang vom Leben in den Tod. Nicht alle fallen kurz entschlossen tot um. So wenig wie die Parteien, die Politik, auch große Teile der europäischen Gesellschaft begriffen haben, was Digitalisierung bedeutet oder die augenblicklichen Kriege in der Welt, die wir teilweise den irrwitzigen Grenzziehungen des 1. Weltkrieges in Afrika und dem Nahen Osten zu verdanken haben, so wenig erfassen wir in Deutschland, was dieser gierige Spätkapitalismus in unserem Land anrichtet. Vielen geht es gut, aber mindestens einem Drittel der Menschen geht es arm. Und ein wachsender Teil der Bevölkerung sieht sich aus vielen Gründen als vernachlässigt an und vernachlässigt sich selbst, gibt sich dem Hass und einer irrealen Angst hin. Weder geht es um die angeblich hart arbeitende Mitte, noch um die klein geredeten kleinen Männer und Frauen, es geht ganz schlicht darum, sich mit allem Wissen und redlich darum zu kümmern, wie die Bundesrepublik sich entwickeln will, ohne Blick auf die Rendite. Zusammen mit anderen europäischen Ländern. Wie wollen wir leben? Vergiftet, atemlos, herumhetzend. Immer mehr Schrott und Schund und Geld?

Aufgabe der Landes- und Bundesregierungen, der Parteien ist es, die Möglichkeiten der Zukunft aufzuzeigen, transparent zu machen, auch zu kommunizieren – auf allen Ebenen. Auch in der Kommunalpolitik. In jedem Dorf und in jedem Viertel. Zwar wünschen sich einige wieder einen „Führer“, aber genau dieses von oben herab und aus der Ferne muss aufhören, ebenso wie die Erpressung der Politik durch die Wirtschaft. Viele Wünsche für 2018.

Was schrieb Erika Mann, Therese Ghiese brachte es auf die Bühne, 1933, danach waren alle Beteiligten mit der Flucht beschäftigt, vornehm Emigration genannt:

„Es kräht kein Hahn danach
Es kräht kein Hahn danach
Hier rein:
Die Hühner lachen leis’
Es schert sich keine Katz, weil das doch jeder weiß:
Wer’s Pech hat, na, der hat’s.

Wenn wir’s nicht hindern, sind wir verloren
Der Vogel Strauß macht große Politik
Den kopf im Sand bis über beide Ohren
zwitschert er dumpf: Ich bin nicht für Krieg.“

Was wünsche ich mir? Dass die Zeit ein wenig langsamer und nicht immer schneller vergeht. Oder dass ich lerne, langsamer zu leben.

Was tue ich? Ich schreibe an den Fluchtlinien und an einem Gedichtband.

Und: Allen einen frohen Start in das Jahr 2018.

Jay